100 Jahre Omnibus in Nürnberg: Rückblick, Stand und Ausblick
Vor 100 Jahren, am 15. Januar 1923, ging in Nürnberg die erste Buslinie an den Start. Von der Straßenbahn-Endhaltestelle in Schweinau ging es mit einem MAN-Hochrahmen-Omnibus über Eibach und Reichelsdorf nach Mühlhof. Damit waren die ersten, damals ländlich geprägten und dünn besiedelten Vororte Nürnbergs an die Straßenbahn und damit die Stadt angebunden.
„100 Jahre Omnibus – das sind 100 Jahre Mobilität für Menschen“, bringt Tim Dahlmann-Resing, Sprecher des Vorstandes der VAG Verkehrs-Aktiengesellschaft Nürnberg das Jubiläum auf den Punkt. „Von Beginn an ist der Bus zurecht auch mit dem Stichwort Daseinsvorsorge verknüpft. Denn Mobilität bedeutet Chancen. Chance auf Erwerbsarbeit, Chance auf wirtschaftliche Entwicklung, Chance auf Teilhabe.“ Das haben Anfang der 1920er Jahre bereits die ländlich geprägten Gemeinden rund um Nürnberg erkannt, weshalb sie sich die Eingemeindung von der Stadt Nürnberg durch den Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr schmackhaft machen ließen. Heute ist die Bedeutung des öffentlichen Nahverkehrs nicht geringer.
„Der Bus sorgt seit 100 Jahren dafür, dass die Stadt ihr Versprechen einlösen kann, der Bürgerschaft die bestmögliche Mobilität in der Stadt zu gewährleisten. Die VAG nutzt modernste Technik, damit Teilhabe mit Barrierefreiheit und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen. Vielen Dank der VAG für ihr großes Engagement“, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende der VAG und Dritte Bürgermeister der Stadt Nürnberg, Christian Vogel. „Bei der Stadt- und Verkehrsplanung spielt der öffentliche Personennahverkehr eine wichtige Rolle. Idealerweise werden die öffentlichen Verkehrsmittel immer mitgedacht, wenn Stadtgebiete neu entwickelt werden, wie aktuell beispielsweise das Gelände für die neue Technische Universität nahe der Münchener Straße. Aber auch in Stadtteilen, wo sich an der Struktur grundsätzlich nichts ändert, sehen die VAG und wir regelmäßig hin, um zu entscheiden, ob der öffentliche Personennahverkehr noch besser werden kann.“
Der Anfang
Die erste Linie des städtischen Verkehrsbetriebes fuhr werktags siebenmal von der Straßenbahn-Endhaltestelle der Linie 3 in Schweinau über Röthenbach, Eibach und Reichelsdorf nach Mühlhof im Süden der Stadt und zurück. Sonntags gab es fünf Fahrten. Die Gesamtstrecke war sieben Kilometer lang. Sieben Haltestellen galt es anzufahren. Bei einer Gesamtreisezeit von 25 Minuten ergab sich eine Reisegeschwindigkeit von 16,8 Kilometern. Für den Betrieb reichten vier Fahrzeuge und zwei Anhänger. Neben dem Fahrer war mindestens ein Schaffner mit an Bord, der die Fahrscheine verkaufte und die schweren Türen öffnete und schloss. 40 Fahrgäste hatten Platz, 20 davon hatten einen Sitzplatz.
Der Busbetrieb heute
Aktuell betreibt die VAG in Nürnberg und darüber hinaus 53 reguläre Buslinien im Tagesverkehr. Ihre Linienäste summieren sich auf 548 Kilometer. Entlang dieser stoppen die über 200 VAG-Busse an 627 Haltestellen. Hinzu kommen zahlreiche private Busunternehmen, die im Auftrag für die VAG fahren. Am Tag kommen rund 50.000 Kilometer zusammen. Pro Jahr summiert sich die Verkehrsleistung des Busbetriebes der VAG aktuell auf etwa 14 Millionen Kilometer und 35 Millionen Fahrgäste.
Fahrzeugbau und Antriebstechnologie
Stillstand gab es bei den Nürnberger Verkehrsbetrieben weder bei der Netzentwicklung noch bei den Themen Fahrzeugbau und Antriebstechnologie. Immer im Gespräch mit den Herstellern und oft als Testbetrieb im Einsatz war der VAG stets daran gelegen, den Fahrgästen mehr Fahrkomfort zu bieten und den Betrieb wirtschaftlich, nachhaltig sowie in den vergangenen 50 Jahren umwelt- und klimafreundlich zu gestalten. Dies immer unter den jeweiligen Rahmenbedingungen, die sich boten. „100 Jahre Omnibus sind auch Technikgeschichte“, stellt VAG-Vorstand Dahlmann-Resing fest. „Bereits in den ersten Jahren nahm die Entwicklung Fahrt auf. Ob beim Fahrzeugbau und schließlich auch beim Motor und den Antriebsenergien.“
Schon mit der zweiten Fahrzeuggeneration Mitte der 1920er Jahre die erste Neuerung. Die Luftbereifung wurde Standard. Nur bei den Beiwagen blieb es zunächst bei härteren Vollgummireifen, die wenig Fahrkomfort boten. Ab 1925 baute MAN erste Niederrahmenfahrzeuge. Diese erleichterten den Einstieg, wenn sie auch nicht mit heutigen Niederflurfahrzeugen vergleichbar sind. Ab 1936 setzte man im Fahrzeugbau auf Ganzstahlfahrzeuge statt auf Holzbauweise und die schweren Schlagdrehtüren, die bis dahin der Schaffner öffnete, wurden durch druckluftangetriebene Schiebetüren ersetzt.
Und heute? Heute steht der Komfort ganz oben. Ab 1991 beschaffte die VAG bei den Stadtbussen ausschließlich Niederflurfahrzeuge mit Kneeling-, also Kippfunktion zur Haltestelle hin. Der niedrige, fast ebenerdige Einstieg erleichtert Kindern und Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, das Zusteigen. Ein weiteres Plus beim Einstieg bringen Klapprampen und vor allem das Anheben der Bushaltestellen. Es gibt Platz zum Abstellen von Kinderwägen, Gehhilfen, Rollstühlen und, wenn diese frei sind, auch für Fahrräder. Die Fahrzeuge sind im Inneren barrierefrei. Wenige Sitzplätze sind erhöht, weil sich unter ihnen die Räder befinden. Bei einer Mehrzahl der in Betrieb befindlichen Busse wird inzwischen auch der Fahrgastinnenraum klimatisiert. Bei allen eBussen sowieso standardmäßig. Bis 2025 werden alle Busse bis auf wenige Reservefahrzeuge klimatisiert sein. Wichtig, da es immer mehr sehr heiße Tage gibt.
Wie beim Fahrzeugbau gibt es bis heute bei der Entwicklung von Motoren und Antriebstechnik keinen Stillstand. Die ersten Busse wurden mit Benzin gefahren. Dann kam die Weltwirtschaftskrise 1929/1930, die die Verkehrsbetriebe unter Druck setzte, Linien stillzulegen – auch in Nürnberg. Der damalige Zwang zu sparen, bedeutete schließlich das Ende des Benzinmotors beim Bus. Benzin war zu teuer geworden. Die Zeit des Dieselmotors war gekommen. Er wurde über die Jahrzehnte bei uns in Deutschland zum Standardmotor und ist es aktuell noch. Der Grund: Dieselmotoren waren damals schon deutlich sparsamer, der Treibstoff günstiger. Das galt bis auf wenige Ausnahmen über alle Jahrzehnte. Die Dieselmotoren wurden immer wieder optimiert. Ab den 1980er und 1990er Jahren ging es vor allem auch darum, Schadstoffe herauszufiltern. Auch hier war die VAG immer mit an der Spitze der innovativen Unternehmen. 1989 kam der erste Bus Deutschlands mit Partikelrußfilter in Nürnberg zum Einsatz und ab 1992 beschaffte die VAG besonders schwefelarmen Dieselkraftstoff, auch wenn dieser teurer war als Standarddiesel.
Auf der Suche nach einer Alternative zum Dieselmotor und den Auswirkungen auf die Luft und Umwelt setzte die VAG schließlich auf Erdgas. 1992 nahm sie den ersten Erdgasbus in Deutschland in Betrieb – einen umgebauten Dieselbus. Ab 1995 kaufte die VAG zeitweise ausschließlich Erdgasbusse, betrieb eine der größten Erdgasbusflotten und Deutschlands größte Erdgas-Schnellbetankungsanlage. Um den Betrieb der Gasbusse noch umweltfreundlicher zu machen, beschaffte die VAG ab 2013 Bioerdgas. 2019 fiel der Beschluss, sich von den Erdgasbussen mit dem regulären Ausscheiden ihrer Einsatzzeit zu trennen. Die letzten werden spätestens 2027 außer Betrieb gehen.
Die Zukunft gehört dem eBus
2018 hat die VAG den ersten eBus von Solaris in Betrieb genommen und war zufrieden. Sie hat deshalb 2019 entschieden, komplett auf eBusse umzusteigen. Ende dieses Jahres wird die VAG bereits fast die Hälfte ihrer Flotte, nämlich 92 von etwas über 200 Bussen, auf eAntrieb umgestellt haben.
Tim Dahlmann-Resing: „Bis Anfang der 2030er Jahre werden wir ausschließlich eBusse beschaffen – sofern wir die nach wie vor doppelt so teuren Busse weiterhin gefördert bekommen. Dabei ist es uns wichtig, dass der Verbrauch der Flotte durch hochwertigen regionalen Ökostrom gedeckt wird. So bringen wir die Verkehrs- und Energiewende voran und der ÖPNV wird nochmals grüner und nachhaltiger als er es ohnehin ist.“
Und mit Blick auf 100 Jahre Omnibus kommt der Sprecher des VAG-Vorstandes zum Schluss: „In der Zukunft erwarte ich weitere Mobilitätsangebote. Das autonome Fahren wird kommen und ganz neue Möglichkeiten auch für den Bus eröffnen. Wir sind an diesen Entwicklungen dran und werden zum richtigen Zeitpunkt einsteigen. Der Bus ist zweifellos Garant für flächendeckende, umweltfreundliche Mobilität für alle und bereit für die Zukunft.“